Systematische Gewalt: Wie ein Heim in NRW ein Kind jahrelang quälte
Noah AlbrechtSystematische Gewalt: Wie ein Heim in NRW ein Kind jahrelang quälte
Thomas Frauendienst wurde am 23. März 1964 mit angeborenen spastischen Klumpfüßen geboren. Noch in derselben Nacht kam er ins Johanna-Helene-Heim in Volmarstein – ein Ort, an dem er jahrelang Misshandlungen erleiden sollte. Seine Geschichte ist inzwischen Teil einer umfassenden Untersuchung zu institutioneller Gewalt in Nordrhein-Westfalen (NRW).
Im Heim wurde Frauendienst unter der Nummer 2033 in einem Register mit dem Titel "Kinder in Sonderbehandlung" erfasst. In den folgenden Jahren erlitt er systematische körperliche Folter, sexuellen Missbrauch und medizinische Vernachlässigung. Das Personal unterzog ihn über 80 Operationen und unzähligen Medikamentengaben, von denen eine aktuelle Studie nahelegt, dass viele nicht der Behandlung von Krankheiten, sondern der Verhaltenskontrolle dienten.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 ergab, dass etwa 20 Prozent der Jugendlichen in NRW-Einrichtungen ähnlichen missbräuchlichen Medikamentenpraktiken ausgesetzt waren. Psychotrope Substanzen wurden routinemäßig eingesetzt, um die Heime leichter "verwalten" zu können. Frauendienst' Martyrium endete erst 1968, als eine Diakonisse drohte, die Zustände öffentlich zu machen. Seine Familie holte ihn schließlich nach Hause – doch da war er bereits schwer unterernährt.
Jahrzehnte später erhielt Frauendienst von der Diakonie, der Trägereinrichtung des Heims, eine Entschädigung von 5.000 Euro. Obwohl er inzwischen mit seinen inzwischen verstorbenen Eltern – trotz ihrer emotionalen Distanz – Frieden geschlossen hat, bleibt sein Fall ein erschütterndes Beispiel für systemisches Versagen.
Die Studienergebnisse bestätigen, dass Frauendienst kein Einzelschicksal war. Seine Behandlung spiegelt ein breiteres Muster institutioneller Gewalt wider, bei dem schutzbedürftige Kinder unter dem Deckmantel der Fürsorge ausgebeutet wurden.
Frauendienst' Erlebnisse sind heute Teil der offiziellen Akten, die den flächendeckenden Missbrauch in NRW-Einrichtungen dokumentieren. Die Zahlung von 5.000 Euro anerkennt zwar sein Leid, doch die Studie zeigt tieferliegende Probleme auf: Viele Überlebende wie er tragen bis heute die Folgen eines Systems, das Kontrolle über Wohlbefinden stellte.






